„Es geht unbedingt um qualitätsvolle Architektur.“

14. Dezember 2018

Elke Delugan-Meissl im Interview

Seit 1993 ist die österreichische Architektin Elke Delugan-Meissl (*1959 in Linz) einer der führenden Köpfe des gemeinsam mit Roman Delugan gegründeten Architekturbüros Delugan Meissl Associated Architects (DMAA). 2015 erhielt sie den Großen Österreichischen Staatspreis für Architektur und ist Mitglied des österreichischen Kunstsenats. DMAA zählt zu den erfolgreichsten österreichischen Architekturbüros mit großer internationaler Beachtung. Hohe Umsetzungsstärke und klarer Realitätssinn ebenso wie mutige Vision und gelebte Leidenschaft positionieren das Büro in den Spitzenrängen der globalen Architekturszene. Zu den bekanntesten Projekten zählen das Porsche Museum in Stuttgart-Zuffenhausen, das Festspielhaus Erl und der neue Campus Tower in der Hamburger HafenCity.

SIGNA: Sie sind seit über 27 Jahren aktiv, bauen weltweit Kulturbauten, Museen, Wohnprojekte, Einkaufszentren oder Bürogebäude – woher kommt dieses ziemlich vielseitige Spektrum?

Elke Delugan-Meissl: Vielseitig waren wir von Anfang an. Seit der Gründung unseres Büros 1993 war es immer unser Ziel, uns nicht zu spezialisieren, sondern uns mit den unterschiedlichsten architektonischen Aufgabenstellungen auseinanderzusetzen. Darüber hinaus beschäftigen wir uns seit Beginn mit dem Phänomen der physiologischen Erfahrbarkeit des Raumes, der Wechselwirkung zwischen dem Raum und seinem Nutzer. Ein zentrales Thema, welches all unsere Entwurfsprozesse bestimmt.

SIGNA: Ein Thema, das unheimlich spannend klingt.

Elke Delugan-Meissl: Ja, das ist allerdings spannend. Spannend ist für uns aber zugleich auch der Umstand, Projekte in verschiedensten Dimensionen realisieren zu können. Große städtebauliche Vorhaben gehören ebenso dazu wie Wohnbauten, Einfamilienhäuser, Museen bis hin zum Interior- bzw. Produktdesign.

SIGNA: Kann man mit dieser Herangehensweise bei einem jährlichen Zuzug von rund 40.000 Menschen nach Wien tatsächlich noch die Frage der physiologischen Erfahrbarkeit des Raumes stellen? Oder geht es da eher um praktisches und schnelles Bauen?

Elke Delugan-Meissl: Ich denke, man kann Architektur nicht in Qualität und Quantität kategorisieren. Ich verstehe den Wohnbau als eine der Kerndisziplinen der Architektur. Zuzug und leistbarer Wohnraum sind Forderungen und die qualitätsvolle Auseinandersetzung damit eine Verpflichtung. Wir beschäftigen uns mit dem Thema Wohnbau seit der ersten Stunde und konnten in diesem Segment bereits einige Wettbewerbe gewinnen, die auch realisiert wurden.

SIGNA: Muss leistbares Wohnen zugleich auch qualitätsvolle Architektur bedeuten?

Elke Delugan-Meissl: Ja, das sehe ich so. Das Spannende daran ist, dass sich die Parameter, bezogen auf Flexibilität, Leistbarkeit, oder etwa Lebensumstände, ständig verändern. Ich denke, viele meiner Kolleginnen und Kollegen haben bereits brauchbare und innovative Konzepte in ihren Archiven. Jetzt ist auch auf politischer Ebene Mut gefragt, eine notwendige Vielfalt zuzulassen.

SIGNA: Ich habe in einer deutschen Zeitung gelesenen, Politik und Wirtschaft setzen wieder auf Plattenbauten. Ist das nicht die Antithese zu dem, was sie gerade gesagt haben?

Elke Delugan-Meissl: Diese Entwicklung ist zu hinterfragen, denn Errungenschaften sollten wir weiterverfolgen. Die Menschen haben immer unterschiedliche Bedürfnisse, eine Wohnung muss nicht immer nach den bekannten Schemata funktionieren. Die sich ständig verändernden Lebensformen sowie die daraus resultierenden Bedürfnisse erfordern diverse Konzepte, die den Anforderungen entsprechend weiterentwickelt werden müssen. Stadtentwicklung und Wohnbau werden in unseren Konzepten nie getrennt voneinander gesehen. Es ist essentiell, sich auch, neben der konkreten Behausung, mit dem Umfeld, dem Kontext, dem Zwischenraum sowie mit der sozialen Integration auseinanderzusetzen.

SIGNA: Sie haben viele renommierte Projekte im Ausland realisiert, aber auch immer wieder in Wien, wo nach wie vor der zentrale Standort ihres Unternehmens liegt. Es wirkt, als ob es hier in Wien eine Basis für Sie gibt, die Sie nicht verlassen möchten.

Elke Delugan-Meissl: Das ist auch eine spezielle Bürophilosophie, die ich vertrete. Für mich ist es am effizientesten, wenn möglich, Tätigkeiten an einem Ort zu konzentrieren, ein kompaktes, schlagkräftiges Team auf kurzem Wege zu erreichen – den Prozess zu begleiten, ist für mich eine wichtige Prämisse.

SIGNA: Sie sind „politisch“ sehr aktiv, ich meine damit, dass Sie sich stark in Beiräten und in Gremien einbringen.

Elke Delugan-Meissl: Ja, wenn Sie „politisch“ so definieren. Für mich war und ist es immer eine konstruktive Auseinandersetzung, meine Erfahrung einzubringen, sowie Prozesse zu initiieren und zu steuern.

SIGNA: Was hervorsticht ist, dass Sie sehr aktive Teilnehmerin bei Architektenwettbewerben sind.

Elke Delugan-Meissl: Wir haben seit Beginn unserer Bürogründung immer an Wettbewerben teilgenommen, bislang mit gutem Erfolg. Auch unser erstes großes Projekt 1993 für die Donaucity wurde über einen Wettbewerb gewonnen. Es ist eine Grundsatzentscheidung jedes Büros, sich an Wettbewerben zu beteiligen, oder einen anderen Weg einzuschlagen, wenngleich ich das Instrument des Wettbewerbs nicht für jede Aufgabenstellung als die beste aller Lösungen betrachte. Ich verschließe die Türen nicht, wenn jemand mit einem Direktauftrag auf uns zukommt (lacht).